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Kill your darlings … again and again …

Gestern musste ich dank meines Patenkindes zum ersten Mal „Germanys Next Top Model“ gucken. Das Finale. Das Event wurde täglich neu besprochen, Tage, Stunden und am Schluss Minuten wurden gezählt. Das Patenkind hatte sich in einem wegen akuten Wachstumsschüben viel zu kurzen Kleid dem Anlass entsprechend modisch zu kleiden versucht, und in den bei Pro7 umsatzschweren Werbepausen liefen wir im Wohnzimmer selbst Catwalk. Das Patenkind mimte dabei „Kata“, die gleich als erstes aus dem Finale rausflog. Ich lief in sofalümmelangemessenen kurzen Hosen und einem alten H&M-T-Shirt über das Parkett, denn Models müssen ja in allem gut aussehen. Was den Models des Jurymitglieds Lagerfeld im Übrigen selten gelingt angesichts der bunten Kartoffelsäcke, die sie zu tragen verdammt sind.

Und dann, kurz nachdem Kata rausgeflogen war – Bombendrohung in der Show. Schnell eine eingeschobene Werbepause, dann wurde die Übertragung wegen angeblich technischer Probleme unterbrochen. Aber dank Patenkind wussten wir schnell per Facebook, dass Heidi Klum schreiend aus der Halle gelaufen war und mit Joop und dem anderen Jurymitglied, dessen Namen sich nicht auf meine myst-know-Festplatte gebrannt hat, an einen sicheren Ort gebracht wurde. Erst dann wurden die 10.000 Zuschauer evakuiert. Ende des Finales.

Es folgte schwere Enttäuschung, Trauer und lange kein Akzeptierenwollen des Unvermeidlichen. Was das Patenkind da durchlebte, könnte den Gefühlen nahe kommen, die wir Drehbuchautoren in der Filmbrache erleiden, wenn es heißt:

„Kill your darlings“!

Es ist ein Gefühl der Melancholie, obwohl der Punkt erreicht ist, an dem man spürt: das, was man so wollte, geht nicht mehr. Liebgewonnenes muss weg und Platz machen für anderes. Für den Fluss im Drehbuch. Es fühlt sich an wie Rauchen aufgeben; wie einen Beziehungsversuch beenden, in den man sich verrannt hat; wie am Tag vor dem Umzug in der alten Wohnung traurig werden; wie sich einzugestehen, dass der Sommer unwiederbringlich vorbei ist; wie ein emotional besetztes Erinnerungsstück wegzuwerfen, weil es kaputt ist; wie Fotos von früher angucken, auf denen man noch so jung war und in den Augen noch das alles-ist-möglich-das-Leben währt-ewig blitzte; wie das Lieblingsoberteil zwei Nummern kleiner aus der Waschmaschine zu ziehen; wie Bücher zur Buchspende bringen, weil die Regale sonst platzen; wie holzigen Spargel essen und merken, dass die Saison nun vorbei ist.

Die darlings im Drehbuch sind die Szenen, an denen Autor besonders hängt. Die man vielleicht schon im Kopf hatte, noch bevor die Titelseite geschrieben war. Das sind Dialogsätze, für die man den nächsten Grimmepreis bekommen könnte. Es sind ganze Nebengeschichten, die das Lustigste sind, was man je geschrieben hat.

„Kill your darlings“ im Film ist allerdings viel schlimmer als im echten Leben. Verkorkste Beziehungsversuche kommen wieder, die neue Wohnung ist besser als die alte, der nächste Sommer kommt bestimmt, Spargel gibt es auch im Glas, jedes Jahr erscheinen 70.000 neue Bücher, und der Modemarkt wird nicht müde, uns mit neuen Oberteilen zu versorgen.

Eine Lieblingsszene ist aber weg. Man kann sie nicht einfach für das nächste Buch aufheben. Geniale Dialoge kommen aus der Figuren und können nicht den Personen des nächsten Films in den Mund gelegt werden.
Im Drehbuch ist gekillt wirklich tot.

Irgendwann, ja, stellt sich das Gefühl ein, dass es gut war, so sein musste, dem Fluss im Weg stand, sich die restlichen 98 Szenen nun geschmeidiger fügen.

Einmal dauerte die Trauerphase mehrere Monate. Ich hatte eine Geschichte für die Anwaltsserie „Edel&Starck“, damals mein Haupterwerb, geschrieben.


Felix Edel und Sandra Strack hatten eine Streiterei darum, wer der bessere und vor allem moralisch bessere Anwalt sei. Er vertrat einen Pornodarsteller, der zum Judentum übergetreten war und nach seiner Beschneidung nicht mehr engagiert wurde, und klagte auf religiöse Diskriminierung. Sie vertrat eine schwangere Nonne, die aus dem Orden geschmissen werden sollte und versuchte, die Kirche zu verklagen. Die Geschichte war schon weit gediehen. Sat.1 liebte sie. Und weil sie so viel Spaß dran hatten, ließen sie mich schreiben und schreiben und schreiben … und sagten mir erst sehr spät, dass man „das natürlich nicht machen könne, das sei ja klar. Sonst würden sich sicher die jüdischen Gemeinden beschweren“.

„Kill your Auftraggeber“, dachte ich nicht nur einmal.

Wochenlang grübelte ich über Alternativgeschichten für den beschnittenen Juden. Es war eine Qual. Alles war second best. Nichts passte so gut zur schwangeren Nonne. Ich hasste den Ausdruck „kill your darlings“.

Am Schluss bekam der Anwalt einen Mann als Mandanten, der immer bei Beziehungsstress in seinen Keller gibt und ein Mordwerkzeug für seine Frau bastelte. Danach kam er ausgeglichen wieder an die Erdoberfläche. Seine Frau betrat nie den Keller, eben bis auf dieses eine Mal, und der Mann wurde wegen versuchten Mordes angeklagt. Felix Edel verteidigte ihn und die produktiven Versuche des Mandanten, sich um seine seelische Reinigung und nervliche Ausgeglichenheit zu kümmern, schließlich wäre es gut für die Ehe und ihm sei ihm sonst als Ehemann nichts vorzuwerfen. Vor Gericht wurden all seine skurrilen Mordwerkzeuge vorgeführt und ja, es ist dann doch eine hübsche Folge geworden. Eine echte Klli-your-darlings-Folge. („Mord ist sein Hobby“, hier der Link:
http://www.sat1gold.de/tv/edel-starck/video/26-staffel-2-episode-6-mord-ist-sein-hobby-ganze-folge)

Bei meinem Tatort „Einmal wirklich sterben“ haben sie gerade einen Alternativ-Schluss gedreht, so sehr ich mich auch dagegen gewehrt habe. Wegen des Jugendschutzes; die müssen nun darüber Gericht halten. Mögen sie diesmal in meinem Sinne entscheiden.

Denn so wie das Patenkind heute noch dem Finale nachtrauert, so ist auch bei mir die Wunde von damals nie ganz geheilt. Kapitalverbrechen hinterlassen eben ihre Spuren. Und wenn sie mir jetzt wieder ein darling killen, gucke ich aus lauter Trotz mit dem Patenkind das Super-Model-Nachhol-Finale und ruiniere der ARD damit ihre Quoten.

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Der Schmähbrief

Jüngst schrieb ich in meinem Blogbeitrag „Bei Ihrem Talent sollten Sie Kloputzerin werden!“ (22. April 2015) über einen Schmähbrief, den ich einst per Fax zu einem Fernsehfilm aus meiner Feder erhielt.
Ich habe schon lange kein Faxgerät mehr, aber – immer auf dem neuesten Stand der Technik – mehrere Emailadressen. Eine für die vertrauliche Privatnutzung, eine für meine Autorentätigkeit, eine ganz anonymisierte für den Fall, dass ich mal Geschäfte per Mail abschließen sollte, bei denen es um meiner Sicherheit willen geraten ist, mich nicht als die zu outen, die ich wirklich bin, eine Adresse für Belange meines Vorstandspostens im Verband Deutscher Drehbuchautoren und eine langweilige info@-Adresse für Leute, die meinen, mich im Internet finden zu müssen.

Es gibt also immer noch diverse Möglichkeiten, mir Schmähbriefe zu schreiben.

Und es gibt immer noch Menschen, die diese Möglichkeit nutzen.

Ich hatte mich auf einen offenen, an alle Tatort-Autoren gerichteten Brief zu einer Antwort hinreißen lassen. Eine Mutter äußerte sich in dem Brief enttäuscht und besorgt, dass es im Tatort so viele Kindesmissbrauchsfälle geben würde und sie hatte den Wunsch, dass man doch lieber über Eifersuchtstaten und Wirtschaftskrimis schreiben möge.
Ich zeigte mich ernsthaft verständnisvoll, erklärte, selbst schon Geschichten erzählt zu haben, in denen Kinder mit zu den Leidtragenden gehörten, und dass ich dieses Thema nicht per se unerzählenswert fände, zeige es doch leider eine existierende Wunde der Gesellschaft. Aber ich wünschte, dass Autoren, Sender und Regisseure dieses Thema mit besonderer Sorgfalt und gut recherchiert behandelten und es nicht nur als bloßen Quoten-Schocker-Aufhänger benutzten.
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Diese Antwort zu meiner Antwort aus den Weiten des Internets erreichte mich auf einer meiner fünf Maliadressen – nicht von der Mutter übrigens:

„Bitte richtet einen 24h Stunden-Sender ein, auf dem nur Loriot, Helge Schneider, Dieter Nuhr, Heinz Erhart und so weiter laufen. Möglicherweise könnten depressive Menschen von Kindesmisshandlungen abgehalten werden, wenn sie über die Öffentlich-Rechtlichen permanent Zutritt zu „guter Laune“ bekommen würden, und deshalb in einem Dauer-Stimmungshoch sind… und deshalb erst gar nicht auf dumme Gedanken kommen. Schon mal über diese Variante nachgedacht?! Dann gäbe es nämlich erst gar keine „Wunden der Gesellschaft“.
Verstanden? Ich vertrete die Meinung, dass Sie (als derzeitige Tatort-Autorin) eine Mitschuld an der Depression mancher Menschen tragen.“

Endlich haben wir die Lösung für die unschönen Kriminalstatistiken, ich sollte den Vorschlag gleich ans Justizministerium weiterleiten. Vergesst Resozialisierung und Selbstverantwortung der Täter! Rundumbeschallung in Justizvollzugsanstalten mit Loriot und Helge Schneider und niemand wird wieder rückfällig!
Ich war bisher nicht der Meinung, dass es zum typischen Bild und Symptom einer Depression gehört, Kinder zu misshandeln und zu missbrauchen. Pädophilie, so schien mir, sei eine gravierende Störung und ein Straftatbestand.
Hab ich wieder was dazu gelernt.

Auch Depression dachte ich, sei ein Krankheitsbild, das durch einen gestörten Serotoninhaushalt im Gehirn ausgelöst wird und nicht durch Kriminalfilme. Als Antwort auf die Antwort auf die Antwort möchte ich mit einem Zitat aus meinem Roman „Wo die Angst ist“ schließen, in dem die weibliche Hauptfigur, eine Psychologin, sagt:

„Und wissen Sie, was ich einem Patienten empfehle, wenn er mit diesen Schuldmanipulationsversuchen kommt? Er kriegt die Aufgabe, sich ein schönes, großes Einmachglas zu besorgen. Das muss er einen Monat lang immer mit sich herumtragen. Jede Minute, beim Essen, beim Sport, beim Scheißen, beim Wandern. Und für jeden Versuch, jemand anderem für etwas die Schuld zu geben, muss er eine Bohne hinein tun. Nach vier Wochen ist das Glas für gewöhnlich voll. Dann soll er in den Wald gehen, sich bewusst machen, was er da für einen Ballast mit sich herum schleppt, die Bohnen vergraben und sich schwören, dass er es sich ab jetzt leichter machen wird.“

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