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K(l)eine Fluchten

Da fliegt man mal ein paar Tage ins südliche Paradies, will Abstand von Roman, Tatort und Morden gewinnen, die Seele von Sonne erwärmen und von Meeresbrisen durchlüften lassen …

   
     

… und dann das in der Bar …

   
   
Wie heißt es nicht immer: egal wo man hingeht, man trifft immer auf sich selbst.

Verdammte Hacke.

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Die Ich-Störung oder: kriegst auch meine Superglotze!

Seit Oktober wird in regelmäßigen Abständen mein Klingelschild geklaut. Inzwischen sind es derer sechs. Wenn die Post mal nicht streikt und Päckchen für mich kommen – nicht von Amazon, support your local book-dealer! – und ein Aushilfspostbote durch Kreuzberg streift, denkt der: „Golch, ditte jibs hier nischt!“ und ich muss mir die Wartestunden mit Zeichnen vertreiben.

Ein paar Häuser weiter liegt im Buchladen mein Roman aus. Warum klauen sie nicht einfach den? Da steht doch auch mein Name drauf.

Nicht nur in Kreuzberg wird gerne geklaut, Fahrräder aus dem Hinterhof zum Beispiel. Blöderweise nehmen sie nie die Schrotträder mit, die noch von Vor-Vor-Mietern herumstehen und die Fahrradständer blockieren.

Aber in diesem Kiez wird auch alles mitgenommen, was Leute so auf die Straße stellen – mit und ohne „Zu verschenken“-Schildern. Manchmal lauten diese Schilder auch „Zum Verschenken“ und man möchte sich fragen, ob diese Sachen deshalb so lange stehen bleiben, weil die Passanten sich denken: „Ach, mir würde es ja gefallen, aber wenn es nur zum Verschenken ist – ich kenne partout keinen Menschen, der ein gebrauchtes Sofa haben möchte.“
Fernseher – Waschmaschinen – Schuhe – Teller. Auf dem Straßenmarkt geht alles weg. Vielleicht denkt sich da ja einer auch: „Ach, das Klingelschild ist ja auch auf der Straße, das steht also zur Verfügung. Und dann gleich so ein hübsches Klingelschild! Das wird sich prima über meinem Kamin machen!“
Oder da ist ein Daniel Maria Gammel, der kein eigenes Klingelschild hat und meines so oft klaut, bis er sich ein eigenes Patchwork-Klingelschild zusammen gebastelt hat.

Wenn ich eine meiner Roman- oder Filmfiguren wäre, würde natürlich in der ganzen Klauzeit etwas viel Schillernderes passiert sein, da wäre eine dramaturgische Steigerung in dem unheimlichen Abhandenkommen meiner Identitätsbekundung. Wenn immer nur das gleiche Langweilige auf dem immerselben überschaubaren Spannungsniveau passiert, dann nennt man das „Nachmittags-Doku-Soap“.
Meine Schilder verschwinden aber auch nachts.

Vielleicht will da jemand gegen die Gentrifizierung demonstrieren, weil er denkt, eine ehemalige West-München-Süd-Schnalle mit diesem seltsamen Namen passt nicht nach Kreuzberg. Oder ein Nachbar versucht mich zu zermürben und aus der Wohnung zu ekeln, weil er auf meine sonnige Bude scharf ist.
Vielleicht passiert das aber auch nicht nur mir, sondern allen meinen Nachbarn? Und durch die Anonymisierung mit der Großstadt kommt man nicht über freundliche Begrüßungsworte im Treppenhaus hinaus und deshalb wird nie gelüftet, dass hier generalstabsmäßig Namensschildklau stattfindet.
Jemand müsste der Polizei mal einen anonymen Hinweis stecken, dass die Fäden in diesem subtil bedrohlichen Fall bei einem gewissen Franz Kafka zusammenlaufen.

Wenn ich mir vorstelle, dass da jemand sein Wohnzimmer mit lauter fremden Klingelschildern tapeziert hat, gruselt es mich. Aber es wäre ein interessantes Motiv für einen schönen Psycho-Film. Vielleicht ist der Täter jemand mit einer Ich-Störung, der Teile von anderen Identitäten braucht, um sich eine eigene zu basteln.
Im Thriller wäre das dann wohl eine Frau, die irgendwann versucht, mich zu beseitigen und ganz meine Identität als Auftragsmörderin anzunehmen. So ähnlich wie in dem Roman „Der talentierte Mr. Ripley“ von Patricia Highsmith.

In einer romantischen Komödie, würde ich mit viel List darauf kommen, wer meine Namensschilder klaut. Nach 70 Minuten schwierigem Hin und Her zwischen uns, würde selbst dem dümmsten Zuschauer klar sein, dass wir uns hoffnungslos ineinander verliebt hätten. Der PLI (Potential Love Interest) würde durch unsere Liebe von seiner Namensschild-Kleptomanie geheilt werden. In romantischen Komödien ist die Liebe immer die Lösung. Trauma, Tod, Krieg – wird sich am Ende die Zunge in den Rachen gesteckt, ist alles gut.

In einem Fantasy Film würde ich wahrscheinlich in eine andere Welt katapultiert, in der ich gar nicht Dinah Marte Golch bin. Die Namensschilder-Klauerei wären nur die Einladungen der weisen anderen Wesen an die Heldin gewesen, die Aufgabe, unsere Welt zu retten, zu übernehmen.

In einem Film Noir würde ich durch die nächtlichen Straßen von Kreuzberg einem Mann mit schwarzen Mantel folgen. Natürlich würde es regnen, aber keiner hätte einen Regenschirm dabei, und die Szenen wären alle in schwarz-weiß gedreht. Am Ende der Geschichte wäre der Fall zwar gelöst, aber es würde die unbeantwortete Frage bleiben: Wer ist man eigentlich?
Vielleicht wäre der Streifen eine Verfilmung eines Franz-Kafka-Romans.

Ich finde am schlüssigsten die Variante mit dem Ich-Störung-Patienten, der sich aus Teilen von anderen Identitäten einen eigenen Identitätsmantel näht, damit seine Seele eine warme Hülle hat, in die sie einziehen und Wurzeln schlagen kann.

Falls Sie, verehrte/r Namensschild-Klauer/in, diesen Blog lesen und scharf auf ein paar Facetten meiner Identität sind, dann nehmen Sie das nächste Mal doch bitte auch meine Ungeduld, meinen Hang zum Kaffeekonsum, meinen Heuschnupfen und mein Altglas mit. Ich stelle Ihnen dafür sogar meinen ausrangierten, noch tippitoppi funktionierenden Fernseher auf die Straße.

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