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Der Gegenschrei

Manchmal kommt man vor lauter Schreiben nicht zum Schreiben. Manchmal dauert das Monate.

Hier ein Text, den ich für die FAZ verfasst habe und der gestern (14.1.2016) auf der Medienseite (Printausgabe und Onlineausgabe) erschienen ist.

Das Fernsehen macht seine Autoren klein

Auf „Die Stadt und die Macht“ ist die ARD stolz. Wieso hebt sie nicht hervor, wer hinter der Serie steckt? Drehbuchautoren. Ihre Leistung wird verschwiegen und schlecht vergütet. Das muss sich ändern.

Von Dinah Marte Golch

Während die deutsche Fernsehbranche lauthals nach guten Drehbüchern schreit und dabei deutsche Autoren im Vergleich zu amerikanischen kritisiert, zugleich stetig die Drehbuchhonorare einkürzt und die Bedingungen für Autoren verschlechtert, ist die ARD-Serie „Die Stadt und die Macht“ an den Start gegangen – die Drehbuchautoren des neuen Vorzeigeprojekts versteckt man dabei allerdings im Keller. Ein Skandal. Mal wieder.

Ja, sie macht Lust auf einen Fernsehabend, die Präsentation der neuen Serie auf der ARD-Homepage. Gekonnte Trailer, ausführliche Interviews, ein Making-Of. Es gibt berechtigte Hoffnung, dass es guten Drehbuchautoren gelungen ist, ein Erfolgsformat zu erschaffen. Mit „,Die Stadt und die Macht‘ geht das Erste neue Wege“, schreibt der ARD-Programmchef auf der Website. Der unbestritten großartige Regisseur Friedemann Fromm kommt in Interviews ausführlich zu Wort und erzählt uns all das, was mit Sicherheit während der Entwicklungs- und Bucharbeit im Kopf der Drehbuchautoren gewälzt wurde. Es ist die Rede von siebzig Drehtagen; Schauspieler, Redakteure und der Executive Producer der ARD fühlen sich bemüßigt, über die Qualität „ihrer“ Serie zu sprechen.

Keiner der stolzen Befragten erwähnt in all diesen Interviews die Arbeit der Ur-Kreativen, die sieben mal so lange gedauert hat wie der gesamte Dreh. Keiner der „Macher der Serie“ erwähnt, dass es andere waren, die aus einer Idee eine tragfähige Geschichte entwickelt und auf vierhundert Seiten zu einem drehfähigen Projekt ausgeschrieben haben.

Will man wissen, was sich diese anderen, die kreativen Ur-Köpfe der neuen Vorzeigeserie, beim Schreiben ebendieser gedacht haben, sucht man vergebens. In keinem der Interviews gibt es einen Kommentar, dass es überhaupt Autoren zu diesem Projekt gab, geschweige denn eine Nennung ihrer Namen. Nach diversen Klicks auf der Suche nach der Stabliste findet man sie endlich, die Autoren: Annette Simon, Christoph Fromm, Martin Behnke; nach einer Idee von Martin Rauhaus.

Halten sich die Autoren der Serie für unfotogen, so dass sie im Schatten bleiben wollen? Stottern sie und sind nicht in der Lage, Interviews zu führen? Ein Blick auf ihre Homepages zeigt, dass sie alle vorzeigbare Menschen sind, und die Telefonate mit diesen Kollegen beweisen, dass sie auch der flüssigen Sprachführung mächtig sind.

Es macht den Anschein, dass erfolgreiche Serien ganz ohne Drehbuchautoren entstehen. Nur schlechte Serien scheinen Drehbuchautoren zu haben. Ein typisch deutsches Phänomen: Über Autoren meckern und sie im vermuteten Erfolgsfall verstecken. Warum hat man hierzulande solche Angst davor, Autoren beim Namen zu nennen? Ist es Futterneid am Erfolg? Ist es die Angst, sie angemessener für ihre Arbeit bezahlen zu müssen? Die Angst, ihnen wie in Amerika mehr Mitspracherecht an der kreativen Umsetzung ihrer Ideen zusprechen zu müssen? (Wobei das in Amerika wunderbar funktioniert, liebe Branchenleute, die nach Kreativen wie in Amerika schreien.)

Was bei dieser Art von Serienpräsentation entsteht, ist der Eindruck, dass eine Redaktion beim Untergang des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff eine Idee hatte, Geschichten dann quasi in der Luft lagen und ein Regisseur in einer kreativen Zaubershow in siebzig Drehtagen eine Welt und „glaubwürdige Charaktere“ erschuf. Von den zwei Jahren Arbeit der Autoren, die den Dreh überhaupt ermöglichten – keine Rede. Leider schließen sich die Berichterstattungen in der Presse dieser Darstellung an. Die „Süddeutsche Zeitung“ erwähnt ebenfalls keinen der Ur-Kreativen, dabei sollte man vermuten, dass Journalisten bei der Zaubershow einer Vorzeigeserie durchaus hinter die Kulissen zu blicken vermögen.

Hinter dem Zauber liegt naturgemäß harte Arbeit von Menschen, die schreiben können. Und das sind nicht Regisseure, Redakteure, Senderchefs und Executive Producers. Die wahren Zauberer der Geschichten sind und bleiben die Drehbuchautoren – auch wenn man vor Drehbeginn lieber eine Decke über ihren Käfig legt.
Der Verband Deutscher Drehbuchautoren kämpft seit langem für eine faire und angemessene Vergütung für Drehbücher, angefangen bei einem Inflationsausgleich, und um bessere Bedingungen für Autoren, ebenso für ein faires Urheberrechtsgesetz. Ebenso setzt sich der VDD massiv dafür ein, dass Drehbuchautoren gebührend genannt und dargestellt werden. Denn Autoren im Keller zu verstecken ist die klare Verweigerung von Erfolgsbeteiligung und Honorierung. Es ist die explizite Missachtung der Erfinder von Geschichten, die durch gute Arbeit die Erfolgsbasis für Film und Fernsehen schaffen.

Anscheinend wünschen sich genau die Leute in der Branche, die am lautesten nach guten Drehbuchautoren schreien, ein Wunschwesen des kreativen Schreiberlings: hoch begabt, unsichtbar, Quoten- und Grimme-Preis-verdächtig, bitte mit einem schlechten Honorar zufrieden und auf jeden Fall ohne den Anspruch, als kreativer Urheber mit der Idee irgendwie am Erfolg oder an den Lorbeeren beteiligt zu sein.

Wenn das nächste Mal Schreie nach guten Drehbuchautoren durch die Bundesrepublik gehen, dann, liebe Schreier, begleitet sie mit dem Ausrufen angemessener Verträge, Vergütung und Honorierung.

Dinah Marte Golch ist Drehbuchautorin (unter anderem des „Tatorts“) und Vorstandsmitglied im Verband Deutscher Drehbuchautoren VDD.

Der Link:

http://m.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/die-leistung-von-drehbuchautoren-wird-verschwiegen-14012487.html

FAZ Autoren 1

 

Ein Kommentar

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Die Ich-Störung oder: kriegst auch meine Superglotze!

Seit Oktober wird in regelmäßigen Abständen mein Klingelschild geklaut. Inzwischen sind es derer sechs. Wenn die Post mal nicht streikt und Päckchen für mich kommen – nicht von Amazon, support your local book-dealer! – und ein Aushilfspostbote durch Kreuzberg streift, denkt der: „Golch, ditte jibs hier nischt!“ und ich muss mir die Wartestunden mit Zeichnen vertreiben.

Ein paar Häuser weiter liegt im Buchladen mein Roman aus. Warum klauen sie nicht einfach den? Da steht doch auch mein Name drauf.

Nicht nur in Kreuzberg wird gerne geklaut, Fahrräder aus dem Hinterhof zum Beispiel. Blöderweise nehmen sie nie die Schrotträder mit, die noch von Vor-Vor-Mietern herumstehen und die Fahrradständer blockieren.

Aber in diesem Kiez wird auch alles mitgenommen, was Leute so auf die Straße stellen – mit und ohne „Zu verschenken“-Schildern. Manchmal lauten diese Schilder auch „Zum Verschenken“ und man möchte sich fragen, ob diese Sachen deshalb so lange stehen bleiben, weil die Passanten sich denken: „Ach, mir würde es ja gefallen, aber wenn es nur zum Verschenken ist – ich kenne partout keinen Menschen, der ein gebrauchtes Sofa haben möchte.“
Fernseher – Waschmaschinen – Schuhe – Teller. Auf dem Straßenmarkt geht alles weg. Vielleicht denkt sich da ja einer auch: „Ach, das Klingelschild ist ja auch auf der Straße, das steht also zur Verfügung. Und dann gleich so ein hübsches Klingelschild! Das wird sich prima über meinem Kamin machen!“
Oder da ist ein Daniel Maria Gammel, der kein eigenes Klingelschild hat und meines so oft klaut, bis er sich ein eigenes Patchwork-Klingelschild zusammen gebastelt hat.

Wenn ich eine meiner Roman- oder Filmfiguren wäre, würde natürlich in der ganzen Klauzeit etwas viel Schillernderes passiert sein, da wäre eine dramaturgische Steigerung in dem unheimlichen Abhandenkommen meiner Identitätsbekundung. Wenn immer nur das gleiche Langweilige auf dem immerselben überschaubaren Spannungsniveau passiert, dann nennt man das „Nachmittags-Doku-Soap“.
Meine Schilder verschwinden aber auch nachts.

Vielleicht will da jemand gegen die Gentrifizierung demonstrieren, weil er denkt, eine ehemalige West-München-Süd-Schnalle mit diesem seltsamen Namen passt nicht nach Kreuzberg. Oder ein Nachbar versucht mich zu zermürben und aus der Wohnung zu ekeln, weil er auf meine sonnige Bude scharf ist.
Vielleicht passiert das aber auch nicht nur mir, sondern allen meinen Nachbarn? Und durch die Anonymisierung mit der Großstadt kommt man nicht über freundliche Begrüßungsworte im Treppenhaus hinaus und deshalb wird nie gelüftet, dass hier generalstabsmäßig Namensschildklau stattfindet.
Jemand müsste der Polizei mal einen anonymen Hinweis stecken, dass die Fäden in diesem subtil bedrohlichen Fall bei einem gewissen Franz Kafka zusammenlaufen.

Wenn ich mir vorstelle, dass da jemand sein Wohnzimmer mit lauter fremden Klingelschildern tapeziert hat, gruselt es mich. Aber es wäre ein interessantes Motiv für einen schönen Psycho-Film. Vielleicht ist der Täter jemand mit einer Ich-Störung, der Teile von anderen Identitäten braucht, um sich eine eigene zu basteln.
Im Thriller wäre das dann wohl eine Frau, die irgendwann versucht, mich zu beseitigen und ganz meine Identität als Auftragsmörderin anzunehmen. So ähnlich wie in dem Roman „Der talentierte Mr. Ripley“ von Patricia Highsmith.

In einer romantischen Komödie, würde ich mit viel List darauf kommen, wer meine Namensschilder klaut. Nach 70 Minuten schwierigem Hin und Her zwischen uns, würde selbst dem dümmsten Zuschauer klar sein, dass wir uns hoffnungslos ineinander verliebt hätten. Der PLI (Potential Love Interest) würde durch unsere Liebe von seiner Namensschild-Kleptomanie geheilt werden. In romantischen Komödien ist die Liebe immer die Lösung. Trauma, Tod, Krieg – wird sich am Ende die Zunge in den Rachen gesteckt, ist alles gut.

In einem Fantasy Film würde ich wahrscheinlich in eine andere Welt katapultiert, in der ich gar nicht Dinah Marte Golch bin. Die Namensschilder-Klauerei wären nur die Einladungen der weisen anderen Wesen an die Heldin gewesen, die Aufgabe, unsere Welt zu retten, zu übernehmen.

In einem Film Noir würde ich durch die nächtlichen Straßen von Kreuzberg einem Mann mit schwarzen Mantel folgen. Natürlich würde es regnen, aber keiner hätte einen Regenschirm dabei, und die Szenen wären alle in schwarz-weiß gedreht. Am Ende der Geschichte wäre der Fall zwar gelöst, aber es würde die unbeantwortete Frage bleiben: Wer ist man eigentlich?
Vielleicht wäre der Streifen eine Verfilmung eines Franz-Kafka-Romans.

Ich finde am schlüssigsten die Variante mit dem Ich-Störung-Patienten, der sich aus Teilen von anderen Identitäten einen eigenen Identitätsmantel näht, damit seine Seele eine warme Hülle hat, in die sie einziehen und Wurzeln schlagen kann.

Falls Sie, verehrte/r Namensschild-Klauer/in, diesen Blog lesen und scharf auf ein paar Facetten meiner Identität sind, dann nehmen Sie das nächste Mal doch bitte auch meine Ungeduld, meinen Hang zum Kaffeekonsum, meinen Heuschnupfen und mein Altglas mit. Ich stelle Ihnen dafür sogar meinen ausrangierten, noch tippitoppi funktionierenden Fernseher auf die Straße.

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