Monatsarchiv: September 2015

Wenn dein Leben ein Roman oder Film gewesen wäre

Einen Tag vor meinem Geburtstag, ich war gerade in Vorbereitungen für die Party, erfuhr ich, dass er gestorben war.

Langsam legt sich der Schock.

An meinen Geburtstagen denke ich gerne an das letzte Jahr zurück, bin ergriffen, was alles passiert ist, und freue mich, dass es unterm Strich immer erfreulich war – trotz allem Mist, der passiert ist. Ich fasse an Geburtstagen (sowie an Silvester) keine heeren Vorsätze zu nachhaltiger Veränderung oder Selbstoptimierung. Ich wünsche mir nie, noch mal so jung wie früher zu sein oder die Uhr zurückdrehen zu können.

Er ist gerade mal fünfzig Jahre alt geworden. Ich dachte daran, was ich alles in den letzten zwanzig Jahren erleben durfte. Großartige Dinge, furchtbare Dinge. Ich hatte wundervolle Menschen an meiner Seite, wurde zutiefst enttäuscht, lebte im Ausland, habe Karriere gemacht, darf mein Leben mit einer der wunderbarsten Sachen der Welt finanzieren – dem Schreiben -, war die glücklichste Schwangere der Welt und wurde aus der Bahn geworfen geschmissen geschleudert katapultiert, als dieses Kind nicht leben konnte. Ich habe Freunde gewonnen und Menschen verloren. Bin verletzt worden und habe verletzt. Habe Großes geschafft, bin an Kleinem verzweifelt. Ich habe aus Hilflosigkeit geschluchzt, Tränen gelacht und und mein Herz ist mir übergeflossen durch die Schönheit des Alltäglichen.

Mir wurde bewusst, wie voll meine Jahre seit damals gewesen waren. Ich fragte mich, ob seine – obwohl er zehn Jahre älter war als ich – genauso angefüllt mit Leben waren.
Da wir lange keinen Kontakt hatten, wusste ich es nicht. Es war sicher gefüllt, vor allem mit Arbeit. Aber seine Todesumstände lassen vermuten, dass es nicht unbedingt erfüllt gewesen war.

Obwohl ich regelmäßig mit der Tatstatur Menschen ums Leben kommen lasse und auch schon mehrfach über den Tod geliebter Menschen trauerte, ist mir vorher noch nie bewusst geworden, wie viel Leben und Fülle, Erlebnisse und Träume, Gefühle und unzählige Momente zu Ende gehen, wenn ein Mensch stirbt.

Als wir uns damals kennenlernten, waren wir beide in der Werbung, und die Welt um uns herum war hipp, cool, unsagbar angesagt. Wenn wir mit der sieben-Tage-die-Woche-Arbeit durch waren, hingen wir auf Werbepartys ab. Jeder von uns „Kreativen“ hatte ein Kukident-Strahlen im Gesicht, eine Wir-machen-den-Weg-frei-Ausstrahlung, qualmte mit kess erhobenen Lippen Liberté-toujour in die angesagtesten Münchner Kneipen, und wir machten uns alle noch keine großen Gedanken, ob wir eigentlich hinter dem stünden, wofür wir so geniale Werbung kreierten. Meine größten Kampagnen habe ich für eine Fast-Food-Kette geschrieben, obwohl ich nie in Fast-Food-Ketten aß.

Vielleicht ging das mit uns deshalb nicht lange gut, weil wir es so gewöhnt waren, Illusionen zu verkaufen, das Non-plus-Ultra zu präsentieren, dass es unbemerkt ins Privatleben geschwappt war.

Ich habe ihn zwanzig Jahre nicht gesehen. Kurz vor seinem Tod hatten wir über die üblichen Social-Media-Wege beschlossen, uns in München wiederzusehen. Ich war neugierig, wie sich ein Mensch entwickelt hatte, der mir mal nah gewesen war – damals wohl ohne dass wir uns richtig kannten.
Ich hatte seine Werte nicht gekannt, seine Träume nicht, seine tiefsten Sehnsüchte nicht. Hm. Meine allerdings auch nicht. Vielleicht war das so mit zwanzig: das Leben schien noch so endlos und die Möglichkeiten so unbegrenzt, dass diese Dinge noch keine Rolle spielten.

Wenn dein Leben ein Roman oder Film gewesen wäre, wünsche ich dir, dass er Menschen berührt hat und dass es viele Szenen gab, in denen du gespürt hast: dies ist meine Geschichte und sie ist gut.

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