Bei Ihrem Talent sollten Sie Kloputzerin werden!

Es gab Zeiten, in denen ich noch ein Faxgerät mein Eigen nannte, welches ich allerdings nie brauchte. Aber es ersparte mir regelmäßig den Tinitus, den ich bis dahin öfter erlitt, ging ich ans Telefon und traf unvorbereitet auf ohrenbetäubendes Piepen und Schnarren, welche mir zeigten, dass viele andere Menschen das Faxsenden als Bestandteil des modernen Bürolebens ansahen.
Meistens bekam ich nur Werbung gesendet.

Aber manchmal kamen auch Dankesworte und Freudesbekundungen, wenn ein Spielfilm von mir im Fernsehen lief. Oder aber hochachtungsvolle Schreiben, in derem Ton ich eine leise, feine Kritik nicht ganz ausschließen konnte.
Zum Beispiel jenes anonyme Fax aus einem Copyshop:

„Bei Ihrem Talent sollten Sie Kloputzerin werden!“

Am gleichen Tag trudelte ein weiteres Schreiben ein, das – der Sendezeile zu entnehmen – von einer Psychologin kam und welches den Film in hohen Tönen und vor allem die differenzierte Figurenführung lobte.

Dieses Phänomen nennt man in der Branchensprache so:

„Der Film polarisiert“.

Das ist die hochgestochene Umschreibung der Tatsache, dass Menschen unterschiedliche Geschmäcker haben, der eine auf Tatort steht und der andere auf Pilcher, der eine bei Filmsätzen wie „Er war wie ein Vater zu mir / Ich habe ihn geliebt wie meinen eigenen Sohn / Manchmal hasse ich meinen Job“ tief berührt ist und der andere bei diesen durch Abnutzungserscheinungen speckig gewordenen Plattitüden die Krätze kriegt.

Ich gebe den meist unfreundlichen Menschen, die mit einem Unterteller voll 50-Cent- und preistreibenden 1-Euro-Münzen vor Cafétoiletten und Autobahnraststättenwaschräumen sitzen, immer Trinkgeld. Auch wenn der Sanitärzustand der Räumlichkeiten mich sofort zur nächsten Apotheke fahren lässt, um sicherheitshalber Antibiotika zu kaufen.
Ich glaube, keiner ist gerne Kloputzer oder Kloputzerin, auch wenn ich das nicht durch empirische Statistiken beweisen kann.

Ob ich eine geeignete Kloputzerin wäre, kann ich nicht genau beurteilen, obwohl ich die Parallelen zwischen diesem und meinem Beruf durchaus erkenne. In beiden Branchen geht es um Spannung, menschliche Bedürfnisse, Orte des Gruselns.
Beim Schreiben lässt man als Herrscher des Geschehens Leser und Zuschauer mit Fragen zum Ausgang der Geschichte zappeln, lässt sie mit den Helden bangen und hoffen.
Besucht man eine Toilette, die nicht in der eigenen oder in der Wohnung von Freunden liegt, lassen die Herrscher der Sanitärgeschehnisse die Besucher ebenfalls nervenaufreibend bangen und hoffen: wird es Toilettenpapier geben? Wird die Klobrille geputzt sein oder werde ich reichlich DNA-Spuren des Vorbesuchers finden müssen? Wird es Seife geben? Werden Papierhandtücher da sein oder muss ich mir die Flossen in ekelhafte Geräusche veranstaltende Handföhns stopfen, die kein bisschen trocknen und ein Gefühl machen, als kratze jemand mit den Fingernägeln eine Schultafel herunter? Ist die Werbung an der Kloinnentür für Mittel gegen Intimpilzbefall eine Warnung, lieber einen anderen Weg einzuschlagen, diese Warnung, die im Spielfilm für gewöhnlich in Minute 20 auftaucht und in der Fachsprache als „der Held wird gewarnt“ bezeichnet wird?

Öffentliche Toiletten polarisieren wie Filme. Manche Menschen vermeiden sie, wo es nur geht, und andere setzen sich sogar hin.

Filmische Dramaturgie und das Handwerk des Kloputzens wird von Fragen bestimmt, Fragen, die uns Menschen ganz tief im Inneren berühren.

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Fernsehen, Film, Krimi, Tatort

7 Antworten zu “Bei Ihrem Talent sollten Sie Kloputzerin werden!

  1. Liebe Dinah,

    GROßARTIG!

    Dein Artikel ist der Grund, daß ich nun Gesprächsthema in der U-Bahn bin.
    Ich habe schallend gelacht und stimme Dir in allen Punkten zu.

    Ich sende Dir ganz herzliche Grüße aus dem sonnigen München!

    Gefällt 1 Person

  2. Hat dies auf Münchner Muse rebloggt und kommentierte:
    Das ist genau mein Humor. Es geht um die Parallelen der Berufe Toilettenreiniger und Drehbuchautor.

    Viel Spaß beim Lesen!

    Gefällt 1 Person

  3. az1952

    Hat dies auf Das wars. rebloggt und kommentierte:
    Danke für die Gedanken.

    Gefällt 1 Person

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