Der bestechende Charme von Rechtschreibfehlern oder: Wenn aus einem Wordprogramm ein Mordprogramm wird

Schon als Kind legte ich eine renitente Haltung gegen den Rechtschreibwahn, der in Form von Diktatübungen meine Freizeitgestaltung behinderte, an den Tag. Dankesbriefe an Omas für Geburtstagsgeschenke warf ich (briefmarkenlos) in den Briefkasten, bevor sie durch die strenge Kontrolle akademischer Eltern fallen konnten. Da nahm ich lieber den Stress danach in Kauf. Damals schrieb ich immerhin noch mit meinem Geha-Füller und konnte Fehler nicht mal so einfach mit einer Delete-Taste ausbessern.

Damals hieß es: alles nochmal neu schreiben.

Zu meinem letzten Tatort-Drehbuch bekam ich die Mail eines Hauptdarstellers. „Ein Sex-Pack? Was ist das? Davon will ich eins!“

Dabei trinken sie doch nur unschuldige Getränke aus einer Sechser-Packung. Lässt Freud da aus meinem Unterbewusstsein grüßen? Ich werde bei meinem anstehenden Wien-Besuch ins Freud-Praxis-Museum gehen und dem nachspüren.

Versprochen.

Für manche Rechtschreibfehler kann ich nichts. Da ist Siri auf meinem Handy schuld. Es hat schon mal aus meiner Bitte, schnell ein Fax durchzuschicken die Aufforderung gemacht, einen Lachs durchzu*icken.

Das fand ich noch lustig und der Empfänger auch. Seit das Programm aus meinem Namen in der Unterschriftzeile aber mal Diener gemacht hat, prüfe ich meine diktierten Mails, bevor sie rausgehen.

So viel Eitelkeit darf sein.

Vor zwanzig Jahren, als ich noch in der damals hippen Werbeszene Texte für eine hochkalorische Fast-Food-Kette schrieb (nein, Los Wochos war kein Rechtschreibfehler, das war ernst gemeint), bewarb ich aus Versehen mal kackigen Salat.

Das Gespräch beim Chef damals war von überschaubarem Unterhaltungswert.

Lustig war auch, besonders weil ich nichts dafür konnte, ein Fehler, der weit über den Rechtschreibmodus hinausging. Damals wollte der Burger-Gigant eine Non-Food-Aktion bewerben, in der man Anstecker umsonst zum Menü bekam. Alle Werbematerialien waren vorbereitet. „Vorsicht, ansteckend! Zu jedem Menü ein Pin gratis“ lautete die wahnsinnig kreative Schlagzeile für die Plakate.

Zwei Tage vor der Aktion brach in Deutschland ein Vorläufer der Hühnerpest aus. Die Plakate und alle Werbemittel wurden sofort eingestampft. Ich sollte mir innerhalb von zwei Stunden eine neue Werbeschlagzeile, die Headline, ausdenken.

Die Liste schickte ich direkt an die Auftraggeber, die wollten sich ihren Favoriten dann heraussuchen und direkt an die Druckerei weiterleiten. Die Liste sah in etwas so aus:

Pins-Headlines:

Inklusive Zahnstocher

Schnauze voll ohne dick zu werden

Man kann ja mal rumpinnen

Du pinnst wohl

Macht garantiert nicht dick

… und noch ein paar Vorschläge dergleichen.

Am nächsten Tag waren Großstädte mit Plakaten überzogen. Darauf sah man ein Menü und eine Auswahl von Pins. Die atemberaubende Schlagzeile darauf lautete:

„Pins-Headlines:“

Ja. Sogar mit Doppelpunkt.

Das Gespräch beim Chef war von besonders überschaubarem Unterhaltungswert.

Aber, man lese und staune, diese Pins gingen weg wie warme Cheeseburger. Wahrscheinlich dachte jeder, diese Werbung so sei verdammt cool sei, dass nur die verdammt Coolen sie verstünden, und niemand wollte sich keine Blöße geben, nicht zum Kreis der Hippen zu gehören.

Und jetzt mache ich mal mein Mordprogramm auf … äh … Wordprogramm – ach, was soll’s, kommt bei mir ja aufs Gleiche raus, und schreibe noch ein Kapitelchen.

Freiberufliche Autoren sind wie Rechtschreibfehler: manchmal lustig, oft auf eine ganz eigene Weise charmant und sie kennen keine Feiertage.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Der bestechende Charme von Rechtschreibfehlern oder: Wenn aus einem Wordprogramm ein Mordprogramm wird

  1. Liebe Dinah,
    mittlerweile celebriere ich Deine Blogs.
    So sitze ich nun eingekuschelt mit einem Tee und genieße Deine Zeilen.
    Lieben Dank für den schönen Start in den Tag.
    Frohe Ostern!

    Gefällt 1 Person

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