Vom Drehbuch zum Film zum Roman zur Bedrohung der weißen Seite oder: Am Anfang war die Deadline

Heute ist wieder einer dieser Tage, an denen ich durch die schwierige Metamorphose von der Drehbuchautorin zur Romanautorin schreite. Diese Wandlung ist körperlich spürbar, es fühlt sich an, als ob ich nach einer lustigen, weinseligen Nacht einen Kater auskurieren muss, bevor ich wieder in die nächste Party eintauchen kann.

Da das Leben von Autoren ja darin besteht, jeden Arbeitstag zu schreiben, könnte es anmuten, dass es egal sei, was der Inhalt ist – Schreiben ist Schreiben. Doch, liebe Leute, da macht das Handwerk einen großen Unterschied.

Es ist wie Spanisch und Englisch sprechen. Beides klasse und wenn man es einmal konnte, kommt man schnell wieder rein – aber die ersten Tage in Barcelona oder New York kann es schon mal holpern und sich alles etwas rostig anhören. Gangschaltung und Automatik – in einem Mietwagen kann schon mal der Motor aufheulen, bis man wieder ein Gefühl für den Schleifpunkt hat.

Ich will Gasgeben, aber habe meinen Romanschleifpunkt noch nicht wiedergefunden.

Das Drehbuch für meinen nächsten Münchner Tatort „Einmal wirklich sterben“ ist gerade abgenommen. Drehstart ist im April.

Die Besprechung für den nächsten Tatort „Lucian“ ist noch einige Zeit hin.

Auf meinem Schreibtisch liegt: die Outline für meinen Folgeroman von „Wo die Angst ist“. Abgabe Ende Juni, Lektorat im August bei meinem Verlag Kiepenheuer&Witsch. (Falls meine lieben Kiepenheuer&Witscher mitlesen, keine Sorge, ich bin natürlich schon mittendrin!)

Wenn man vom Schreiben lebt, arbeitet man meistens an verschiedenen Projekten gleichzeitig. Das heißt: ein paar Wochen Tatort-Drehbuch, dann wieder ein paar Wochen Roman. Dann einen Monat Exposé für den nächsten Tatort und dann die Drehbuchüberarbeitung vom anderen Tatort.

Autoren brauchen die Fähigkeit mit Deadlines jonglieren zu können, ohne dass ein Projekt auf dem Boden zerschellt. Schreibende brauchen auch die Fähigkeit, die eigene Stimme zu hören und ihr zu folgen; dazu flexibel zu sein; eine große Kritikfähigkeit; das Zwischen-den-Zeilen-hören von Anmerkungen und das Herausfiltern relevanter Verbesserungsvorschläge aus Anmerkungen, nebst Phantasie, Selbstvertrauen und einer gewissen Selbstdisziplin.

Ein gruseliges Wort, es klingt nach fettfreiem Quark, Mineralwasser, anstrengenden Sportkursen, frühen Weckern, Volkshochschulkursen, runtergezogenen Mundwinkeln, billigen Tagesgerichten, Knitterfalten auf der Stirn, Bandscheibenvorfällen … und nicht nach:

„Mein Gott, liebe ich das, was ich mache!“

Die Selbstdisziplin beim Schreiben sollte letzteres eher unterstützen, als niedermetzeln. Dazu zählt allerdings, die Wohnung aufzuräumen, wenn Zeit dafür ist, und nicht die Wohnung aufzuräumen, wenn man eigentlich schreiben müsste. Kaffee zu trinken, wenn man Lust drauf hat, und nicht, wenn man nur den Anblick der weißen Seite nicht ertragen kann. Schokolade zu essen, wenn man sie genießen kann und nicht, wenn sie die innere Stimme überzuckern soll, die manchmal kreischt: „Wie sollst du das bis zur Deadline schaffen?!“

Ich kann meine perfektionistische Seite nicht ganz verleugnen. Darunter fällt der überdimensionale Selbstanspruch Gedanke, sofort wieder tief in das nächste Projekt einzusteigen, kaum ist die Druckertinte vom abgeschlossenen Werk trocken.

„Am Anfang war das Wort“, so steht es in einem gewissen Buch. Der Autor hat in Zeiten gelebt, in denen es noch keine Drehstarts und Roman-Satz-Termine gab.

Wir Autoren leben manchmal mit dem biblisch anmutenden Satz „Am Anfang war die Deadline“.

Ich las mal in einem Artikel über Lebens-Balance, dass es ratsam sei, Projekte in vier gleichwertige Zeitspannen aufzuteilen: ein Viertel für die Vorbereitung (Recherche und Rumspinnen), ein Viertel für die Durchführung (Rohmanuskript bzw. Drehbuchfassung 1), den dritten Teil für die Überarbeitung (Lektorat bzw. Drehbuchfassung 2-4), und den letzten Abschnitt für das Feiern und Erholen.

Heute wäre ein guter Tag für das letzte Viertel. Das Wetter ist eh traumhaft und die Kreuzberger Straßencafés sind sonnenbeschienen. Und dann wollte ich ja auch noch nach Flügen für einen Kurzurlaub gucken. Und nach denen für den Langurlaub.

Plötzlich habe ich auch gar keine Lust mehr, die Wohnung aufzuräumen, was mir vorher noch so verlockend erschien.

Das nächste Romankapitel wird sicher spitze, aber wie heißt es nicht in einem anderen Roman: „Morgen ist auch noch ein Tag“ …

Und in einem weiteren Roman heißt es: „Und das war es doch, worauf es ankam, dachte sie. Seinen Hintern aus dem kuscheligen Haufen Scheiße zu erheben und jedes Lachen, jede Träne und alles Leben zu feiern.“

Buchcover

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Vom Drehbuch zum Film zum Roman zur Bedrohung der weißen Seite oder: Am Anfang war die Deadline

  1. Sehr schön, sehr anders. Ich hab in meinem Leben bislang gut 110 Mark mit dem Schreiben verdient. Nach der Währungsumstellung ist es etwas abgeflaut.

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    • Ha! Erkannt! Trotz einem Dioptrien! Die Beiträge in deinem Blog lassen ja eher vermuten, dass du ganz gut vom Schreiben Leben kannst … Nachdem es also mit der beruflichen Fußball- und Schreibkarriere nichts geworden ist – welche geldwerten Talente verbergen sich noch hinter diesem Profilbild mit den vom Wind verwehten Haaren?

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  2. Schön, dass du am Ende doch noch derb geworden bist, sonst hätte ich noch gedacht, du hast dich völlig im Griff, wenn du schreibst.

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    • Na, jemand, der erzählt, dass es bei ihm NUR flutscht, der macht sich ja unglaubwürdig. Wissen wir doch alle aus der dramaturgischen Schule (… dem Leben …), dass gute Protagonisten auch Schwächen und Achillesfersen brauchen. Sonst sind sie langweilig und erreichen nicht das Herz!

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