Vier Wochen vor Drehbeginn

Kurz nach Ostern fällt die erste Klappe für den nächsten „Tatort“. Es geht also leicht hektisch zu.

Erschwert wird die aktuelle Drehbuchbesprechung dadurch, dass der Regisseur in der Schweiz weilt, die Produzentin in Rom, die Redakteurin in München und die Autorin in Berlin.

Aber mit Technik geht ja alles. Was früher nach einem Businessflug in guten Restaurants bei gutem Essen und gutem Kaffee und Wein besprochen wurde, geht heutzutage kostengünstig in der„Telko“. Fernsehen ist eben auch nicht mehr das, was es mal war.

Kaum steht die Telefonkonferenz und wir fangen an, die Szenen durchzugehen, piept es ohrenbetäubend in der Leitung und jemand kräht in die was-mir- am Buch-super-gefällt-Einstiegs-Hymne der Redakteurin: „Hallo, hier ist der Christoph!“

Christoph? Welcher Christoph?

„Na die Aufnahmeleitung!“

Ähm … wir sind hier in der Drehbuchbesprechung.

„Also die Produktion hat mir diesen PIN gegeben.“

Produktionsbesprechung ist in einer anderen Telko!

„Alles klar!“

Ohrenbetäubendes Piepen.

Die Redakteurin setzt an, mich weiter mit lobenden Worten weich zu machen für die Änderungswünsche, die später folgen werden. Man arbeitet ja ein dreiviertel Jahr an so einem Tatort-Drehbuch, da freut sich keiner mehr über Änderungswünsche so kurz vor Dreh, besonders nicht der Autor.

Ohrenbetäubendes Piepen.

„Hi, ich bin´s!“

Wer!!!

„Na der Klaus vom Kostüm.“

Produktionsbesprechung ist in einer anderen Telko!

Ich halte den Hörer weit vom Ohr weg und nehme das moderate Piepen als Zeichen, dass Klaus uns verlassen hat und wir wieder unter uns sind.

Das nächste Piepen trifft mich unvorbereitet, als ich mir gerade den Hörer zwischen Ohr und Schulter klemme, um an meinem Kaffee zu nippen.

„Der Johannes von der Maske.“

Nachdem sich auch Walter, Heiner und Michael rein- und rausgepiepst haben, sind wir sage und schreibe eine halbe Stunde unter uns. Die Redakteurin und ich unterhalten uns einvernehmlich, und ich deute das Schweigen in der Leitung als wohlwollendes Zustimmen des Regisseurs. Schweigende Regisseure sind gute Regisseure. Der schlimmste Satz von Regisseuren ist: „Da ist schon viel Schönes dabei …“ Das ist die psychologische Vorbereitung dafür, dass ein Regisseur im ABER!-Modus ist.

Nach über dreißig Minuten Ping-Pong mit der Redakteurin nötigt mich meine Höflichkeit, auch mal den Regisseur mit einzubeziehen: „Wie sehen Sie das denn?“

Stille.

Die Telko hat den Spielführer vor langer Zeit rausgeschmissen.

Ich habe eine Videokonferenz vorgeschlagen, dann sieht man wenigstens, ob jemand vom System verabschiedet wurde. Bisschen Bilder passen ja auch ganz gut zum Fernsehen.

Aber nein, hektisch werden Flüge gebucht. Unter dreihundert Euro gibt’s nichts mehr. Wahrscheinlich holen sie das im Budget aber wieder rein, indem sie einen Schauspieler umbesetzen und einen jungen Theaterdarsteller nehmen, der die Figur auch für die Hälfte spielt.

Ich hätte die Videokonferenz ja super und umweltschonend gefunden. Jetzt muss ich um acht Uhr morgens am Flughafen sein. Und das, wo Autoren doch nie vor neun Uhr aufstehen, zumindest nicht ohne herbe Einbußen, was die gute Laune betrifft.

Nein, Fernsehen ist wirklich nicht mehr das, was es mal war.

Drehbuch

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Drehbuch, Fernsehen, Krimi

3 Antworten zu “Vier Wochen vor Drehbeginn

  1. Hoffentlich wird da nicht zu viel umgeschmissen, liebe Autorin.

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  2. jakobsblog

    Jaja, schweigende Regisseure sind gute Regisseure. lol Und wie ich das mit diesem Weichmachen bevor die Kritik kommt, kenne!

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