Monatsarchiv: März 2015

Zeichne auf Wände

Über meinem Schreibtisch im Büro hängt eine Hundertwasser-Postkarte, ein Bild von Klimt, eine Fotografie der Grand Central Station in New York, Thomas Mann, der vor einem alten Cabrio und dem Weimarer Goethe-Haus steht, und ein Gedicht von Joseph Beuys, das angeblich gar nicht von Beuys ist.

Central Station

Inspiration von großen Erinnerungen und großen Meistern.

Hundertwasser, weil er so unkitschig bunt ist in seiner Verschachtelung, Klimt, weil er so unmittelbar ist in seiner Feinheit, die Grand Central Station, weil sie mich an das Gefühl erinnert, mit beiden Händen ins Leben zu greifen, und Thomas Mann, weil ich seine Bücher früher sehr verehrte, seinen Wortwitz, seine Sprachgewandtheit, seine Kunst, tief zu berühren. Und weil er sich – wie jeder es weiß, der mal in seine Tagebücher gespitzt hat -, durchaus auch schwer tat in seinem Schreiben. Er ist daran verzweifelt, wurde depressiv, verglich sich, maß sich an Vorbildern. Das macht den Nobelpreisträger menschlich. Finde ich.

Hundertwasser

Unmenschlich war er in seiner Disziplin, der sich seine Familie unterwerfen musste. Kein Geräusch im Haus während seiner Kreativzeiten! Das sollte ich mal den Bauarbeitern nebenan erzählen oder der Opernsängerin, die ein Stockwerk über uns jeden Tag ihre Arien übt.

Ich gucke nicht wie Mann auf die Isarauen, wenn ich tippe, sondern auf eine Kreuzberger Brandmauer. Und ich mag es, wenn meine Bürogemeinschaftskollegen Lärm mit der Espressomaschine machen und mit ihrem eigenen Getippe und den Keksabbeißgeräuschen zur meditativen Kreativathmosphäre beitragen; auch ab und zu durch Sozialgeräusche wie „Hallo“ oder „Bis morgen“ oder „Hast du den scheiß Film gestern gesehen“ das Bürogemeinschaftsgefühl bestärken; mich durch das Ziehen der Klospülung daran erinnern: hey, es gibt ja noch was anderes im Leben, als dass manche fiktiven Figuren widerspenstiger und launenverderbender sind als echte Leute.

Ich werde mit meiner fehlenden Härte gegen potentielle Ablenkungen wohl kein Thomas Mann, aber dafür lebe ich noch, und das ist ein nicht zu verachtender Pluspunkt zu meinen Gunsten, finde ich.

Das Gedicht von Beuys, das angeblich nicht von Beuys ist, hängt über mir, weil …

Lasse dich fallen. Lerne Schlangen zu beobachten.

Pflanze unmögliche Gärten.

Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.

Mache kleine Zeichen, die „ja“ sagen und

Verteile sie überall in deinem Haus.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.

Freue dich auf Träume. Weine bei Kinofilmen.

Schaukel so hoch du kannst

mit einer Schaukel bei Mondlicht.

Pflege verschiedene Stimmungen.

Verweigere dich „verantwortlich“ zu sein.

Tue es aus Liebe.

Mache eine Menge Nickerchen.

Gib weiter Geld aus. Mache es jetzt. Das Geld wird folgen.

Glaube an Zauberei. Lache eine Menge.

Bade im Mondlicht.

Träume wilde, phantastische Träume.

Zeichne auf die Wände. Lies jeden Tag.

Stell dir vor, du wärst verzaubert. Kichere mit Kindern.

Höre alten Leuten zu. Öffne dich. Tauche ein.

Sei frei. Preise dich selbst.

Lass die Angst fallen.

Spiele mit allem.

Unterhalte das Kinde in dir.

Du bist unschuldig.

Baue eine Burg aus Decken.

Werde nass.

Umarme Bäume.

Schreibe Liebesbriefe.

*von Joseph Beuys *

Vor einem Jahr konnte ich auf der Geburtstagsparty von Werner mein Kindheitstrauma, auf Wände zu zeichnen und keiner freut sich, überwinden. 

  

 Es ist kein Hundertwasser geworden und kein Klimt, aber Werner hat bis heute nicht geweißelt.

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Vom Drehbuch zum Film zum Roman zur Bedrohung der weißen Seite oder: Am Anfang war die Deadline

Heute ist wieder einer dieser Tage, an denen ich durch die schwierige Metamorphose von der Drehbuchautorin zur Romanautorin schreite. Diese Wandlung ist körperlich spürbar, es fühlt sich an, als ob ich nach einer lustigen, weinseligen Nacht einen Kater auskurieren muss, bevor ich wieder in die nächste Party eintauchen kann.

Da das Leben von Autoren ja darin besteht, jeden Arbeitstag zu schreiben, könnte es anmuten, dass es egal sei, was der Inhalt ist – Schreiben ist Schreiben. Doch, liebe Leute, da macht das Handwerk einen großen Unterschied.

Es ist wie Spanisch und Englisch sprechen. Beides klasse und wenn man es einmal konnte, kommt man schnell wieder rein – aber die ersten Tage in Barcelona oder New York kann es schon mal holpern und sich alles etwas rostig anhören. Gangschaltung und Automatik – in einem Mietwagen kann schon mal der Motor aufheulen, bis man wieder ein Gefühl für den Schleifpunkt hat.

Ich will Gasgeben, aber habe meinen Romanschleifpunkt noch nicht wiedergefunden.

Das Drehbuch für meinen nächsten Münchner Tatort „Einmal wirklich sterben“ ist gerade abgenommen. Drehstart ist im April.

Die Besprechung für den nächsten Tatort „Lucian“ ist noch einige Zeit hin.

Auf meinem Schreibtisch liegt: die Outline für meinen Folgeroman von „Wo die Angst ist“. Abgabe Ende Juni, Lektorat im August bei meinem Verlag Kiepenheuer&Witsch. (Falls meine lieben Kiepenheuer&Witscher mitlesen, keine Sorge, ich bin natürlich schon mittendrin!)

Wenn man vom Schreiben lebt, arbeitet man meistens an verschiedenen Projekten gleichzeitig. Das heißt: ein paar Wochen Tatort-Drehbuch, dann wieder ein paar Wochen Roman. Dann einen Monat Exposé für den nächsten Tatort und dann die Drehbuchüberarbeitung vom anderen Tatort.

Autoren brauchen die Fähigkeit mit Deadlines jonglieren zu können, ohne dass ein Projekt auf dem Boden zerschellt. Schreibende brauchen auch die Fähigkeit, die eigene Stimme zu hören und ihr zu folgen; dazu flexibel zu sein; eine große Kritikfähigkeit; das Zwischen-den-Zeilen-hören von Anmerkungen und das Herausfiltern relevanter Verbesserungsvorschläge aus Anmerkungen, nebst Phantasie, Selbstvertrauen und einer gewissen Selbstdisziplin.

Ein gruseliges Wort, es klingt nach fettfreiem Quark, Mineralwasser, anstrengenden Sportkursen, frühen Weckern, Volkshochschulkursen, runtergezogenen Mundwinkeln, billigen Tagesgerichten, Knitterfalten auf der Stirn, Bandscheibenvorfällen … und nicht nach:

„Mein Gott, liebe ich das, was ich mache!“

Die Selbstdisziplin beim Schreiben sollte letzteres eher unterstützen, als niedermetzeln. Dazu zählt allerdings, die Wohnung aufzuräumen, wenn Zeit dafür ist, und nicht die Wohnung aufzuräumen, wenn man eigentlich schreiben müsste. Kaffee zu trinken, wenn man Lust drauf hat, und nicht, wenn man nur den Anblick der weißen Seite nicht ertragen kann. Schokolade zu essen, wenn man sie genießen kann und nicht, wenn sie die innere Stimme überzuckern soll, die manchmal kreischt: „Wie sollst du das bis zur Deadline schaffen?!“

Ich kann meine perfektionistische Seite nicht ganz verleugnen. Darunter fällt der überdimensionale Selbstanspruch Gedanke, sofort wieder tief in das nächste Projekt einzusteigen, kaum ist die Druckertinte vom abgeschlossenen Werk trocken.

„Am Anfang war das Wort“, so steht es in einem gewissen Buch. Der Autor hat in Zeiten gelebt, in denen es noch keine Drehstarts und Roman-Satz-Termine gab.

Wir Autoren leben manchmal mit dem biblisch anmutenden Satz „Am Anfang war die Deadline“.

Ich las mal in einem Artikel über Lebens-Balance, dass es ratsam sei, Projekte in vier gleichwertige Zeitspannen aufzuteilen: ein Viertel für die Vorbereitung (Recherche und Rumspinnen), ein Viertel für die Durchführung (Rohmanuskript bzw. Drehbuchfassung 1), den dritten Teil für die Überarbeitung (Lektorat bzw. Drehbuchfassung 2-4), und den letzten Abschnitt für das Feiern und Erholen.

Heute wäre ein guter Tag für das letzte Viertel. Das Wetter ist eh traumhaft und die Kreuzberger Straßencafés sind sonnenbeschienen. Und dann wollte ich ja auch noch nach Flügen für einen Kurzurlaub gucken. Und nach denen für den Langurlaub.

Plötzlich habe ich auch gar keine Lust mehr, die Wohnung aufzuräumen, was mir vorher noch so verlockend erschien.

Das nächste Romankapitel wird sicher spitze, aber wie heißt es nicht in einem anderen Roman: „Morgen ist auch noch ein Tag“ …

Und in einem weiteren Roman heißt es: „Und das war es doch, worauf es ankam, dachte sie. Seinen Hintern aus dem kuscheligen Haufen Scheiße zu erheben und jedes Lachen, jede Träne und alles Leben zu feiern.“

Buchcover

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