Wie Bankvorstände pinkeln oder warum Martin Luther King einen alten Mann anspuckte

Es war mal wieder so weit. Eine Reise in die filmische Diaspora der Republik.

Bislang setzte sich mein Gesamtportrait dieser Stadt hauptsächlich durch fünf sich wiederholende Bilder zusammen:

  1. Der Flughafen (der drittbedeutendste in Europa – da wundere ich mich immer wieder über seinen Mut zur Hässlichkeit)
  2. Besuche bei der ARD-Anstalt (nein, Anstalt ist jetzt wirklich nicht despektierlich gemeint)
  3. Besuche der Buchmesse (selten habe ich Menschen so schamlos so viel klauen sehen – aber in dieser Stadt machen viele Menschen das ja nicht nur mit Büchern, sondern besonders in Büchern)
  4. Partys auf der Buchmesse (ich glaube, es war die FAZ, die vor eineinhalb Jahren einen Artikel im Feuilleton überschrieb mit: „Die Kopulationsmesse hat wieder begonnen“)
  5. Das in mein Hirn eingebrannte Foto der Herrentoilette auf der obersten Chefetage einer großen Bank (die Pissoirs waren zugleich die Glasfassade, sodass die werten Herren auf die Stadt und ihre Klienten herab pissten. Inzwischen wurden marmorne Pissabhaltevorrichtungen in Pisshöhe aufgestellt, sodass die Männer, die in Büchern klauen, jetzt etwas teureres mit ihrem Urin beglücken können als die Glaswand)

Seit dem Wochenende wird mein Bild von Frankfurt durch einen weiteren hübschen Farbtupfer abgerundet.

Samstagabend. Innenstadt. Ein Kinobesuch. Wir haben Karten für „Selma“ ergattert. Und bemerken nun im Popcorntheken-Vorraum, dass es keine reservierten Sitzplätze gibt: Eine Kinosaal-Ladung Menschen steht zusammengepfercht zwischen Eingang und Kartenabreißer, zwischen Verkaufstresen und Klo, sodass man kann weder zum einen, noch zum anderen gelangen kann.

Ich denke: Wahrscheinlich wollen diese ganzen seichten Samstag-Abend-Entertainment-Hungrigen in „Shades of Grey“ im Kinosaal im Erdgeschoss und wir müssen für unseren anspruchsvollen Anti-Rassismus-Film in den Keller.

Aber nein, es stellt sich heraus: alle Zuschauer wollen in den Keller, nur das Ehepaar hinter mir nicht. Sie bitten den Mann neben mir, sie durchzulassen, sie bitten mehrfach, denn sie haben Angst, die heißen Szenen ihres Films nicht richtig genießen zu können, weil sie nur noch Plätze in der ersten Reihe bekommen und dadurch alles ganz verpixelt sehen. Der Mann neben mir schreit das Shades-of-Grey-Ehepaar an: „Nun nehmen Sie sich mal nicht so wichtig!“

Gerangel, Geschubse. Der Schreier wird in meinen Rücken gestoßen und ich fliege auf einen jungen Mann, der wie im Dominoeffekt auf das Mädchen fliegt, das gerade seinen Popcorn-Eimer am Tresen in Empfang nimmt und durch den Schwung die Hälfte des Inhalts zurück hinter den Tresen kippt.

Ich werde nach den Aufräumarbeiten netterweise zum Tresen vorgelassen und erstehe eine kleine Tüte Popcorn und ein stilles Wasser. Kostet 9 Euro, aber immerhin habe ich mich auf diese Weise um einen Platz Richtung Einlass vordrängeln können.

Langsam bekomme ich in dem Gedränge Schweißausbrüche. Aber es ist zu eng, um sich den Wintermantel auszuziehen – oder gar einzuatmen.

Und weiter geht nichts voran, obwohl die Einlasszeit längst begonnen hat. Der Kartenabreißer steht tatenlos herum und trägt eine übellaunige Miene vor sich her. Ob das Ganze zum Programm gehören soll, um den Kinozuschauer auf das Thema des Films einzustimmen? Wenn beim Rezipienten die Wut gegen Missstände schon vor dem Film angetriggert ist, dann gehen sie mit der Rolle des Martin Luther King emotional besonders gut mit?

Als wir im Strom der Zuschauer in den Kinosaal gerissen werden und immerhin noch Plätze in der 3. Reihe ergattern können, bestätigt sich mein Verdacht: Hier soll sich der Zuschauer ganz in die Zeit Kings zurückversetzt fühlen. Die Tapete des Kinos wurde seit damals sicher nicht gewechselt und die Größe der Leinwand haben sie auch beibehalten.

Kino 2

Als Martin Luther King im Film einem 82-Jährigen Großvater sein Beileid ausspricht (während der von weißen Polizisten totschickanierte Enkel auf dem Obduktionstisch liegt), bekommt eine Frau in der ersten Sitzreihe vom vielen Nachobengucken und Colatrinken alles in die falsche Röhre und prustet die Cola hustend auf die Leinwand. Es sieht aus, als würde Martin Luther King dem alten Opa bei seinen salbungsvollen Worten ins Gesicht spucken.

Nach dem Kino werde ich gefragt, worum ich mir bei den blutigen Gewaltszenen die Hand vor die Augen gehalten habe, wo ich doch selbst auf dem Papier Menschen zu Tode kommen lasse.

In gewisser Weise verhält sich das wie mit den pissenden Bankvorständen. Wenn man den Lauf der Dinge sozusagen selbst in der Hand hält, ist die Perspektive eine definitiv andere, als wenn man von der Zuschauerposition hoch sehen muss und nichts beeinflussen kann.

Seit Längerem will mir die Anfangs-Szene eines Frankfurter Tatorts nicht mehr aus dem Kopf:

Ein Bankvorstand liegt ermordet auf der Herrentoilette der Chefetage, die Hose geöffnet, den Kopf an einer marmornen Pissabhaltevorrichtung eingeschlagen, während man einen atemberaubenden Ausblick auf den Hauptverdächtigen hat:

Frankfurt.

Die Stadt wird mir plötzlich sympathisch.

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