Als ich mal kurz vor dem „Oscar für die beste Schauspielerin“ stand

Einreise in die USA. Stehe gefühlte Stunden in der immigration hall. Gleich kommt die ganze Fingerabdruck-und-Foto-Arie, das Erklären, warum ich die Staaten mit einem visit belästige, und das gezwungen freundliche Lächeln, damit der Torwächter zum Land of liberty&steaks mir den verdammten Stempel in den Pass knallt. Ich frage mich, warum ich nicht nach Rügen oder zum Chiemsee gefahren bin.

Als ich endlich an den counter trete, lächelt Denzel Washington jenseits der Scheibe zu mir hinaus: „Welcome to New York!“

Wenn ich auf Reisen bin, wird ja grundsätzlich mein Gepäck durchwühlt, egal ob ich ein Schloss am Koffer habe oder nicht. Ich kenne auch das Gefühl, von bewaffneten Polizisten eingekreist durch den ganzen Flughafen geführt zu werden, weil man meinen Laptop mit kleinen Spezialstaubsaugern entstauben und meinen angesammelten Bürostaub und die Kekskrümel, die sich in der Tastatur verirrt haben, auf Sprengstoff zu untersuchen genötigt sieht.

Anscheinend gibt es manchmal eine kleine Diskrepanz zwischen Innen- und Außenwahrnehmung, was meine Vertrauenswürdigkeit betrifft.

Die Chancen stehen hier auf american soil also gut, dass ich nicht mit Denzel in einen netten Plausch komme, sondern wegen meines verdächtig klingenden Namens von den schwer bewaffneten officers zum „interview“ hinter die immigration hall geführt werde, wo ich amerikanischen Behörden zum Opfer falle.

Wenn ich meine eigene Filmfigur wäre, würde mir Denzel Washington natürlich zur Flucht verhelfen und dadurch mit mir zur persona non grata, oder wie die Amerikaner dazu sagen: the fucking enemy.

Denzels Lookalike in jung fragt mich jedoch nur nach meinem purpose des stays und mustert mich: „´R ya an actress?“ „No.“. Why not? Have the face for it.“ Also Leute, ich weiß gar nicht, warum Leute sich bei der Einreise nach Amerika immer so anstellen. Wegen dem bisschen Anstehen und Fingerabdrücke nehmen. Ich finde ja, die Amis geben einem gleich nach der Landung das Gefühl, willkommen zu sein. Urlaub in den USA, da kann doch nichts mithalten.

Während ich zum Gepäckband schwebe, erinnere ich mich, das ich tatsächlich schon öfter vor einer ausgereiften Schauspieler-Karriere stand. Ich habe sogar in de Film „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ von Helmut Dietl mitgespielt. Ich hatte eine unglaublich wichtige Komparsenrolle, ich wurde nämlich an einem mondänen, französischen Flughafen von einem unglaublich wichtigen anderen Komparsen abgeholt. Ein lauer Sommerabend, leichter Wind, angesetzte Drehzeit: 20 Uhr.

Drehort wurde dann ein durch Palmenkübel französisiertes Glasgebäude in München. Damals beschlich mich der Verdacht, dass es beim Film nicht immer ganz ehrlich zugeht.

Ich saß dann mit den anderen Komparsen in einem Warteraum, in dem wider Erwarten keine Clubsessel und Mini-Bars standen, kein Schampus floss und auch niemand Autogramme haben wollte. Eine über die Maßen gutgelaunte Regieassistentin 3. Grades begrüßte uns: „Sie spielen in einem der größten deutschen Kinofilme mit, und Sie haben heute sogar die Möglichkeit, einen der Stars live zu sehen! Das ist so eine Ehre!“

Ich erfuhr, dass neben mir in diesem wichtigen Film auch noch Götz George und Mario Adorf mitspielten durften, Heiner Lauterbach, Gudrun Landgrebe, Veronika Ferres, Joachim Król, Hannelore Hoger, Armin Rohde, Jan Josef Liefers, Martina Gedek, Meret Becker und Edgar Selge.

In jener lauen Sommernacht habe ich gemerkt, dass so ein Filmdreh einfach unglaublich, phänomenal, hammermäßig und grandios langweilig ist. Die Szene, bestehend aus wenigen Dialogsätzen, war um drei Uhr morgens im Kasten. Während der ganzen Wartezeit kam die gutgelaunte Regieassistentin 3. Grades noch ungefähr fünf Mal zu uns Komparsen, um uns darauf vorzubereiten, dass „es gleich losgeht und wir ganz hautnah mit den Stars in einer Kameraeinstellung sein werden und welche Ehre das ist.“

Das Interessanteste, was in der ganzen Zeit passierte, war, dass es gegen ein Uhr früh ein Wurstbrot gab.

In dieser Nacht beendete ich meine Karriere als Schauspielerin auf der Höhe meines darstellerischen Schaffens.

Spätere Versuche, wieder an meinem Lebenswerk anzuknüpfen, indem ich mich von Regisseuren nötigen ließ, in meinen eigenen Filmen, eine kleine Rolle zu übernehmen, scheiterten daran, dass ich jedes mal Lachkrämpfe bekam, wenn ich meinen Text sagen sollte. Es war wie damals in der Schule. Wenn ich nicht lachen durfte, konnte ich nicht mehr mit Lachen aufhören. Die Komparsen dieser Filme müssen mich gehasst haben.

Sollte ich bei meiner nächsten immigration wieder mit questions nach meinen früheren Karrieren belästigt werden, kann ich ja die Rede zur Oscar-Verleihung vortragen, die ich in einem kleinen Anflug von Karrierezuversicht in jener lauen Sommernacht vorbereitet habe, damals, am französischen Flughafen. Die Rede ist wirklich sehr berührend und es wäre so eine Zeitverschwendung gewesen, wenn sie nicht wenigstens ein Mensch mal hören könnte: „I am so surprised … and so thankful … oh, it´s so fucking great, an oscar! (heul, heul) … I want to thank my mother und so much you, … Denzel …“

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Film

3 Antworten zu “Als ich mal kurz vor dem „Oscar für die beste Schauspielerin“ stand

  1. Denzel und Du- ihr hättet soviele große Filme drehen können.
    Denk noch einmal drüber nach Schauspielerin zu werden.
    Lachen müssen, wenn man auf keinen Fall lachen darf kenne ich übrigens auch.
    Nennt man das Übersprungshandlung?

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    • Diese Übersprunghandlungen haben mich durchs Gymnasium gerettet. Es war großartig und so habe ich trotz Latein und manchem Lehrer mit pädagogisch äußerst fragwürdigen Methoden eine Menge fürs Leben gelernt!
      Zum Glück verliert man diese Übersprunghandlung nie ganz, oder?

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      • Bei mir sind sie immer noch sehr präsent und sorgen mitunter noch immer für Kopfschütteln.
        Hat man erst einmal den Ruf exzentrisch zu sein, rundet diese Eigenart das Bild sehr schön ab.

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