Die Frau Merkel, das BKA und ich

In den USA werden Drehbuchautoren eingekauft, um sich Katastrophenszenarien auszudenken. Nicht nur für Tom Cruise und die Blockbuster-Hollywood-Industrie, sondern auch für Homeland Security und CIA. Drehbuchautoren liefern den Behörden Terror-Szenarien, auf die selbst Agenten nicht kommen, damit Amerika seinen Regenschirm in alle Richtungen aufspannen kann.

Diese gut bezahlten Nebenjobs für unsereins gibt es, weil Granaten-Autoren sich so gut in kriminalistische Phantasien hineinsteigern können, wie Terroristen in religiösen Hass. (Wir in der Branche nennen ersteres „plotten“, letzteres Antagonisten.)

Ich warte ja seit Pegida jeden Tag auf den Anruf vom BKA. Ich hätte schon tolle Ideen, wie ein paar Politiker dieses Landes in den Genuss von berührenden und sie beschönigenden Nachrufen gelangen könnten.

An Frau Merkel war ich schon ganz nah dran. Sie stand einen Meter neben mir, ganz ohne Personenschützer. Ich gebe es zu, ich habe die Chance verpasst, Deutschland zu retten! (Nicht dass die mitlesenden Weltschutzbehörden nun einen falschen Eindruck bekommen und ich für die nächsten Monate von meinen Lieben vermisst werde: „Ich war ganz nahe dran“, bedeutet nicht, dass ich Arges im Schilde führte. Es bedeutet: ich hätte mich ohne große Bürokratie für den Posten der Bundesdeutschen Katastrophen-Plotterin bewerben können.)

Es war auf der Geburtstagsfeier von Daniel Barenboim, eine Überraschungsparty nach seinem grandiosen Konzert in der Berliner Philharmonie, das er zu Ehren seines eigenen 70. Geburtstages gab. Auf der Party tummelten sich lauter schräge und illustre Vögel, also hauptsächlich Opernsänger und Politiker. Es gab kleine Geburtstagseinlagen für Herrn Barenboim und bei einer besonders langweiligen, deren Langweiligkeit nur von ihrer Länge übertroffen wurde, griff Frau Merkel – einen Meter neben mir stehend – einfach zu ihrem Handy. Die Bundeskanzlerin las Emails, während alle anderen Ehrengäste bemüht versuchten, Freude an der Geburtstagsdarbietung zu mimen. Joschka Fischer war dies besonders schlecht gelungen.

Ich fand diese pragmatische Art unserer Bundeskanzlerin, auch in nächtlichen Stunden effektiv mit ihrer kostbaren Zeit umzugehen, durchaus beeindruckend. Viele Menschen regen sich ja auf, wenn man bei aufkommender Langeweile am Frühstückstisch zum Handy greift. Frau Merkel macht´s vor: langweilt euch nicht gegenseitig, nutzt die Zeit für Weltbewegendes!

Ich glaube, das würde die Entwicklung des Weltfrieden nachhaltig unterstützen, wenn das jeder jedem zugestehen würde, anstatt ihm etwas aufzunötigen, was den anderen einen feuchten Scheiß interessiert. Fangen wir klein an, bei uns zuhause. Beim Morgenkaffee. Irgendwann wird es auch bei den Antagonisten angekommen sein.

Bis dahin warte ich noch auf den Anruf vom BKA. Ich bin mir aber sicher, dass sie sich zeitnah melden. Wie oft in den letzten sechzehn Jahren in meinen Mails und Telefonaten von Mord, Anschlägen, Vergiftung, BKA, LKA, Maulwurf, Bombe und Antagonisten die Rede war, werde ich sicher abgehört und abgelesen. Also Jungs: ja, ich bin bereit, dem Deutschen Volke zu dienen. Aber ich will ordentlich Flocken dafür und auch wieder auf die Überraschungsparty zum 75. Geburtstag von Barenboim. Die Sause war dann noch recht lustig geworden.

Dass ich auf der ersten Sause sein durfte, lag im Übrigen daran, dass es damals ein zweites langweiliges Geburtstagsgeschenk für den Dirigenten und Pianisten gab und ich von einem der Mitwirkenden die Begleitung war. Das nächste Mal darf ich sicher selbst jemanden mitnehmen.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Drehbuch, Fernsehen, Film, Krimi

4 Antworten zu “Die Frau Merkel, das BKA und ich

  1. Das mit den Drehbuchautoren für Terrorszenarien finde ich eine sehr gute Idee. Da kommen garantiert geniale Sachen bei heraus 🙂

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  2. Ralf Schindofski

    Ja. Ja!
    Aber: ich war mir mit Blick auf die für andere Politiker vorher anvisierten Nachrufe gar nicht so sicher, wie dieses „ganz nah dran“ zu verstehen ist. Und es wäre sicher schön, wenn viele Menschen ihre Zeit für Weltbewegendes nutzen würden. Nur sind viele der Gelangweilten nicht so recht in der Lage, etwas Weltbewegendes zu tun. Greifen trotzdem zum Handy. Oder Smartphone. Und was es dann in vielen Foren oder Kommentaren (wie diesem zum Beispiel) zu lesen gibt, lässt eher auf Antagonisten bei der Werktätigkeit schließen als auf Weltretter in schöpferischer Umwidmung eines langweiligen Moments. Dennoch bin ich nur zu gern bereit, mich dem Optimismus anzuschließen, der aus dem Beitrag spricht – danke für diese schönen Gedanken.

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  3. jupp

    nimm mich mit-
    ich gab alles um es zu verstehen-

    gäbe es doch mehr Politiker ohne Schlips..hihi

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  4. Ich hatte Frau Merkel und Herrn Sarkozy mal zum Dinner nach Freiburg eingeladen, in eine kleine Bar, wo es eine abhörsichere Gondel gibt, ideal für vertrauliche Gespräche. Da hätten auch 10 Sicherheitskräfte gereicht, nicht 1.000 wie beim eigentlichen Treffen. Was ist da Geld verbraten worden.
    Nun würde ich mich gerne zum nächsten Barenboim-Geburtstag bewerben, da hätte ich auch ein paar Ideen, auch BKA-konforme…

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