Postmortale Erektionen auf der Preisverleihung oder: die Recherche schlägt zurück

Ich komme zu spät zum Empfang der Preisverleihung. Eile durch die Halle, in der es später Prosecco und delikate Häppchen geben wird. Fleißige, in berlinalepreisverleihungswürdiger Uniform gekleidete Menschen bereiten sich auf den hungrigen Ansturm der Gäste vor, die alle schon brav im Saal sitzen und dem Vorspiel der Verleihung lauschen.

Die Bestuhlung ist eng, Beinfreiheit war gestern. Ich quetsche mich durch die Reihe zu meinem Platz, und da mir entzückenderweise einer in den vorderen Reihen zugewiesen wurde, falle ich unangenehm auf. Aber jeder, der auf der Berlinale unterwegs ist, will ein bisschen auffallen. Also: so what.

Bepreist wird Rolf Hoppe für seine schauspielerischen Verdienste um den deutschen Film. Nachdem ich draußen im Vorbeihuschen die vielen kleinen Schälchen mit Erdbeere-auf-Schinken, Riesenkaper-in-Miniatur-Vitello-Tonnato, Baby-Wiener-Schnitzel mit Remouladehäubchen, Entenbrüstchenröllchen auf Obstsalätchen und die diversen Küchelchen gesehen habe, meldet sich erster Hunger.

Doch erst kommt der Laudator. Jan Josef Liefers betritt die Bühne. Viele im Publikum denken wahrscheinlich spontan an den nächsten Münsteraner „Tatort“. Ein paar Damen im Saal (der Tele-Gerichtsmediziners sieht ja nun auch wirklich schnuckelig aus und ist in echt ja auch gar nicht arrogant) ertappen sich vielleicht bei ganz anderen Phantasien … Mir hingegen zwingt sich nur das Bild der postmortalen Erektion auf und es lässt sich so schnell nicht vertreiben, es ist an der Innenseite meiner Stirn festgetackert.

Wenn ich versuche, nicht an eklige Sachen zu denken, muss ich erst recht daran denken. Und wenn man fast die Hälfte seines Lebens damit verbracht hat, Krimis zu schreiben, Mordermittler und Mediziner zu befragen und Büroregale mit Recherche-Ordnern zu füllen, dann hat man eine Menge eklige Bilder gesammelt, die ungebeten aufploppen können.

Über die Sache mit der postmortalen Erektion sind die Fachleute sich uneins. Es gibt Gerichtsmediziner, die behaupten, das hätten sie schon gesehen. Da würden Verwesungsgase innere Organe zum platzen bringen und sich dann einen Weg nach oben suchen. Meistens furzen oder rülpsen die Leichen nur, aber manchmal verirren sich die Gase angeblich. Andere Mediziner tun letzteres als Quatsch ab. Aber beim Furzen sind sich alle einig.

Inzwischen macht Jan Josef Liefers Rolf Hoppe auf der Bühne eine Liebeserklärung und man könnte meinen, die beiden seien ein altes Ehepaar. Die Rede ist sehr berührend und der Laudator offenbart in aller Ehrlichkeit Details aus der Seele des Schauspielers: „Treffen sich zwei Schauspieler. Der eine erzählt von sich und wie toll alles ist und was er alles dreht, und er erzählt und erzählt … Irgendwann stutzt er und sagt: Àch, entschuldige, ich rede die ganze Zeit von mir, nun erzähle du doch mal: Wie findest du mich denn?´“

Von draußen zieht der Duft nach Wiener Schnitzeln herein. Und mir tackert sich ein nächstes, ein olgatorisches Bild auf die Stirninnenseite.

Zum Glück nehmen sie ja beim „Tatort“ in den Szenen der Gerichtsmedizin Statisten für die Toten. Es stinkt aber dennoch furchtbar in den gekachelten Räumen, weshalb ich dort grundsätzlich keine Drehort-Besuche mache. Montag bis Samstag wird auf den Alu-Liegen geschnippelt – wie soll sich da der Geruch verzogen haben, bis am Sonntag die Maskenbildner Y-Schnitte auf die Oberkörper doktern, Schusswunden in Köpfe stanzen und Schlachthofabfälle in Nierenschalen als menschlich verkaufen dürfen?

Ich frage mich, ob im Saal noch andere Leute von Recherchebildern terrorisiert werden. Claudia Michelsen zum Beispiel, Kommissarin des „Polizeiruf 110“ in Magdeburg, sie sitzt in der ersten Reihe und lächelt aufgeräumt. Ist sie das wirklich, oder denkt sie an den letzten Dreh in der Gerichtsmedizin? Daran, dass sich Leichen manchmal bewegen? Das tun sie, weil sich nach dem Tod Eiweißproteine und Calcium in den Muskeln sammeln und diese stark kontraktieren. Und wenn sich diese Leichenstarre dann wieder löst, kann es zu …

Mitten in meinen Gedanken steht die Frau neben mir auf und ich erschrecke mich zu Tode. Verdammt, ich muss mich auf die Laudatio konzentrieren. Liefers macht das ja nun wirklich gut, er ist witzig und charmant. Außerdem singt er noch mit seiner Band und das mal richtig klasse. „ … ich schlage ein Rad, doch mitten im Spangat platzt die Naht und der Applaus bleibt aus …“

Der Empfang später war sehr lustig. Bei den Häppchen habe ich mich an die vegetarischen Delikatessen gehalten. Mein Beruf kommt auf jeden Fall den Tieren zugute.

Paula 1

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Fernsehen, Film, Krimi, Seltsames, Uncategorized

5 Antworten zu “Postmortale Erektionen auf der Preisverleihung oder: die Recherche schlägt zurück

  1. Dinah, mir isso schlecht. Das werde ich ja nie wieder los. Das wolltich nie wissen. Leichen rülpsen. Das ist ja schauerlich. Wie gut, dass wir nie drüber gesprochen haben. Das werden wir auch weiterhin nicht tun.

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    • Versprochen. Also Augen auf bei der nächsten Partnerwahl: keine Gerichtsmediziner, keine Kriminalkommissare, keine Ärzte (existierende meinerseits ausgeschlossen), keine Krimiautoren und am besten auch keine Psychopathen. Sonst gibt es zu viele No-Go-Areas in der gemeinsamen Kommunikation.

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  2. Wer bleibt denn dann noch übrig?

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  3. Eine postmortale Erektion soll es geben, wenn der Penis im Tod nach unten hängt und folglich das versackende Blut eine Pseudo-Erektion bewirkt. Wir sprachen in der äußeren Leichenschau immer von den Totenflecken in den abhängenden Körperpartien, denn genau dorthion wandert ja postmortal das Blut. Somit ergibt sich die absurde Synthese zum Ende des Lebens hin, dass der Penis immer dann erigiert, wenn er abhängt.

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