Der Tag, an dem die Welt mich an die Kriminalität verlor

Meinen Hang zur Verbrechen entdeckte ich schon mit fünf Jahren. Es war, als die Polizei in unserer Straße Haus-zu-Haus-Befragungen durchführte, und ich dem Polizisten ins Gesicht log. Dabei hatte ich die beiden Betrüger gesehen, sie sogar verfolgt. Es war damals der tollste Tag meines bisherigen Lebens gewesen.

Ich blieb keine Eintagsfliege des Verbrechens. In der Pubertät trieb ich die Münchner Verkehrsbetriebe fast in den Ruin, indem ich ab und zu schwarz fuhr. Adrenalin in der Pubertät kann ja eine Einstiegsdroge sein, seid also froh, dass es mich später nicht schlimmer getroffen hat. Die Leser werden nun aufschreien: „Was Sie brauchen, ist nicht ein Blog, sondern eine strukturgebende und resozialisierende Therapie!“ Leute, ich habe es besser getroffen: Diese Sinnesschärfungen und Einfühlungserlebnisse in die verbrecherische Seele, schon ganz am Anfang meines Karriere, haben dafür gesorgt, dass ich es weit gebracht habe in der glitzernden Welt von Film und Fernsehens – der Welt der Betrüger, Ganoven und der Hochstapler.

Ich bin zarte vierzig und ich finde, man sieht mir gar nicht an, dass ich gut zwei dutzend Menschenleben auf dem fiktiven Gewissen habe. Ein paar Opfer werden in „Mein Leben als Auftragsmörderin“ noch dazukommen, auch wenn es unmöglich sein wird, all die Leichen aus dem Keller der glitzernden Film- und Fernsehwelt in einen Computer zu bekommen. Aber was lernt man nicht beim Drehbuch- und Romanschreiben: Story ist Verdichtung.

Wenn ich in der heiligen Schreibzeit (vormittags – keine Anrufe, keine Sms, keine Termine) in meinem Büro sitze, schreibe ich meistens einen „Tatort“ und einen psychologischen Kriminalromen – und dabei empfinde ich immer noch das gleiche aufregende Kribbeln, wie damals mit fünf Jahren, als ich die Verbrecher verfolgte. (Im Schleichen war ich ein Ass – ein Vorteil, wenn man in einem strengen Elternhaus aufwächst und lernen musste, sich vor Arbeit zu drücken) Tagelang hatte ich meine Nachbarn beschattet und ihre Gewohnheiten in meinem Detektiv-Buch festgehalten. Krasser Scheiß, war das langweilig gewesen. Und dann kam das Geschenk Gottes: Zwei Verbrecher. Sie betrogen von Haus zu Haus, verkauften überteuerte Kunst, angeblich von behinderten Menschen gemalt. Und ich war die einzige heiße Spur. Ich konnte den Fluchtweg durch den Wald beschreiben und das Fluchtfahrzeug. Sogar das Nummernschild hatte ich aufgeschrieben.
Warum ich den Polizisten bei der Täterbeschreibung anlog? Tja, weil die Phantasie ihr Recht einforderte. Und wenn ich nie erfahren hätte, wie sich Täter fühlen, während sie die Kommissare anlügen (und damit durchkommen), wer weiß, vielleicht wäre ich dann Ärztin und reich geworden; aber für brillant ausgedachte Diagnosen hätte ich sicher nie den FernsehKrimiPreis und den Grimme-Preis bekommen.

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8 Kommentare

Eingeordnet unter Drehbuch, Fernsehen, Film, Krimi, Roman

8 Antworten zu “Der Tag, an dem die Welt mich an die Kriminalität verlor

  1. HAllo Dinah, was für ein mitreißender Einstieg ins Bloggerleben. Bin gespannt auf mehr. Rolf

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  2. Herzlich willkommen in der Bloggerwelt. Ein schöner Einstieg in die Psyche einer Krimi-Autorin. Macht mich neugierig auf mehr.

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  3. Ha! Du kannst also auch lustig. Klein-Dinah observiert die Nachbarn und läuft Patrouille. Ich seh dich förmlich vor mir.

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  4. Bin jetzt auch Fan der ersten Stunde.

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  5. Pingback: Die Welten der Anderen (6) | kreuzberg süd-ost

  6. Ch.Gastner

    Haaalo! Die erste Geschichte habe ich gleich gelesen, als sie frisch da war. Heute die anderen. Ha, lustig! Gibt es noch mehr Berichte aus dem Detektivleben der fünfjährigen, werdenden Auftragsmörderin? Die fand ich besonders eindrucksvoll, weil wir Erwachsenen doch manchmal die heimlichen Talente unserer Kleinen unterschätzen – oder nicht wahr haben wollen.
    Herzliche Grüße, Christine

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  7. Ch.Gastner

    Hallöle liebe Auftragsmörderin!
    Wer ist der Mann auf dem Foto?
    Es stinkt wirklich ekelhaft in so einer Leichenhalle.
    Wasserleichen furzen übrigens weniger. 🙂
    Herzliche Grüße, Christine

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